30 Studierende in Genf erhielten neu Stipendien für das Pflege‑Studium. Die Beiträge liegen zwischen 5'000 und knapp 30'000 Franken. Doch die Massnahme allein stoppt den Personalabbau nicht.
Erste Bilanz aus der HEDS
Die Hochschule für Gesundheit in Genf (HEDS) hat rund 30 Stipendien vergeben, mit Beträgen von 5'000 bis fast 30'000 Franken pro Person. Ziel ist, das Studium attraktiver zu machen und mehr Abschlüsse zu erreichen — eine Vorgabe der Volksinitiative «Für eine starke Pflege», die 2021 angenommen wurde. Marie‑Laure Kaiser, Direktorin der HEDS, sagte gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS), Konkret haben wir heute 20 Prozent mehr Studierende im dritten Jahr und erwarten entsprechend 20 Prozent mehr Abschlüsse
.
Die Zahlen klingen gut auf den ersten Blick. Aber sie reichen nicht, um die Lücke in der Versorgung zu schliessen. Aktuell verlassen zu wenige Menschen das Studium, und zu viele treten nicht in die Praxis ein.
Warum weniger Studienabbrüche nicht genug sind
Bislang schlossen pro Jahr rund 100 Personen das Pflege‑Studium in Genf ab. Um den Bedarf zu decken, bräuchte es aber etwa 250 Abschlüsse jährlich. Das ist die harte Wahrheit: Selbst wenn Stipendien helfen, Studienabbrüche zu verringern, bleibt die Versorgungslücke weiterhin gross. Die zusätzlichen rund 20 Prozent erwarteter Abschlüsse bringen Genf noch nicht in die Nähe der benötigten Zahl.
Die HEDS berichtet, dass die finanzielle Unterstützung geholfen habe, junge Menschen im Studium zu halten. Poppy Thurston, 23‑jährige Pflegestudentin und Stipendiatin, sagte: Ich wusste, dass ich ohne dieses Stipendium nicht hätte weitermachen können. Es bewahrt mich davor, mich mit mehreren Nebenjobs zu erschöpfen
.
Thurston hat zuvor im Zirkus gearbeitet und bringt ein Kind durch die Ausbildung.
Das Stipendium hilft vor allem bei einem individuellen Problem: der finanziellen Belastung während des Studiums. Es ändert aber nichts an strukturellen Faktoren wie Arbeitszeitmodellen oder Personalschlüssel in Spitälern und Pflegeheimen.
Arbeitsbedingungen bleiben das Kernproblem
Die HEDS und andere Fachhochschulen weisen darauf hin, dass der Fachkräftemangel nicht allein durch mehr Studienplätze oder finanzielle Anreize gelöst werden kann. Das Gesundheitsobservatorium meldet, dass mehr als ein Drittel der jungen Pflegefachpersonen den Beruf in den ersten Jahren wieder verlässt. Gründe sind unter anderem lange und ungünstig getaktete Dienste, geringe Planungssicherheit und die Belastung durch Schichtarbeit.
Eine Studentin, die gleichzeitig Mutter ist, kann frühmorgendliche Schichten oft kaum mit Betreuungsaufgaben vereinbaren. Das wird in Genf offen angesprochen: Wenn man um 6.45 Uhr anfangen muss, ist das kaum kompatibel mit Familie.
Für Arbeitgeber und Politik heisst das: Geld allein ist nicht die Antwort. Es braucht Modelle, die Teilzeit, flexible Dienstpläne und berufsbegleitende Weiterbildungen erlauben — und zwar ohne Qualitätseinbusse in der Patientenversorgung.
Politische Dimensionen auf Kantons- und Bundesebene
Der Kanton Genf hat die Stipendien bis 2028 geplant und damit erstmals gezielt finanzielle Anreize eingeführt. Andere Westschweizer Kantone haben ähnliche Programme gestartet. Das ist politisch bedeutsam. Denn die Volksinitiative von 2021 setzte einen Rahmen, der nun kantonal konkretisiert wird. Die Massnahmen zeigen, dass Kantone bereit sind, Mittel bereitzustellen — aber die Frage bleibt, wie nachhaltig diese Investitionen sind.
Die Diskussion läuft auf zwei Ebenen: Kurzfristig helfen Stipendien und überbrückende Löhne, langfristig müssen Arbeitsmarkt- und Strukturfragen angegangen werden. Dazu gehören Tarifverhandlungen, Betreuungskonzepte für Familien und gezielte Förderprogramme für berufsbegleitende Aufstiege.
Ökonomische Folgen für das Gesundheitswesen
Selbst wenn die Ausbildung stabiler wird, können unveränderte Arbeitsbedingungen zu Problemen führen. Erstens bleiben viele Absolventinnen und Absolventen dem Beruf fern oder wechseln ins Ausland. Zweitens steigen die Kosten für Ersatzpersonal und Überstunden. Krankenhäuser und Heime sehen sich bereits jetzt mit hoher Belastung konfrontiert; zusätzliche Kosten würden die kantonalen Budgets weiter unter Druck setzen.
Die Kassenfrage ist real: Wer zahlt die zusätzlichen Stellen, flexiblen Dienste und die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Ohne klare Finanzierungsmodelle ist es schwer vorstellbar, dass Stipendien allein das System stabilisieren.
Politische Entscheide auf kantonaler und nationaler Ebene sind dabei zentral.
Optionen aus Sicht der Ausbildungsinstitution
Die Hochschule für Gesundheit Genf verfolgt neben Stipendien weitere Ansätze. Geplant ist unter anderem eine berufsbegleitende Ausbildung für Personen mit Vorbildung im Pflegebereich, etwa Fachleute Gesundheit, die später das Diplom als Pflegefachperson erwerben sollen. Das könnte neue Wege öffnen und vorhandene Arbeitskräfte besser nutzen.
Solche Durchlässigkeit im Ausbildungssystem kann die Zahl der qualifizierten Fachkräfte erhöhen, ohne dass alle neu beginnen müssen. Sie setzt jedoch voraus, dass Arbeitgeber flexible Arbeitszeiten und Ausbildungsfreiräume gewähren — und dass die Finanzierung für berufsbegleitende Studien geregelt ist.
Die HEDS arbeitet an verschiedenen Fronten: Sie rekrutiert, unterstützt Studierende mit Stipendien und bietet neue Bildungsangebote an. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob das Tempo reicht, um die erwartete Versorgungslücke zu schliessen.
Gesellschaftliche Erwartungen und öffentliche Debatte
Die Öffentlichkeit hat durch die Annahme der Volksinitiative 2021 deutlich gemacht, dass ihr die Pflege wichtig ist. Politische Akteure reagieren mit Instrumenten wie Stipendien — und mit Vorstössen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Die kantonalen Programme sind Teil eines grösseren Austauschs über Gesundheitsversorgung, Finanzierung und Personalpolitik.
Für Betroffene wie Thurston sind Stipendien ein konkreter Unterschied. Für das System reichen sie nicht. Die Debatte dreht sich deshalb mittlerweile um Kompromisse zwischen kurzfristigen Anreizen und langfristigen Reformen.
Ein weiterer Faktor: Mobility. Pflegekräfte sind in Europa gesuchte Arbeitskräfte. Wenn Arbeitsbedingungen hier nicht verbessert werden, könnten einige Absolventinnen und Absolventen ins Ausland wechseln — das würde das Problem in der Schweiz verschärfen.
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Die Stipendien in Genf sind bis 2028 befristet — und HEDS‑Direktorin Marie‑Laure Kaiser rechnet mit rund 20 Prozent mehr Abschlüssen im dritten Jahr.
Dieser Artikel wurde mit KI-Unterstützung erstellt.